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Andre Kostolany

a candid conversation with André Kostolany about the banking system, Nobel Prize winner Milton Friedman and the way out of the shadows of deflation.


Photo: André Kostolany, Börsenguru, Bonvivant, Kolumnist und Ritter der Französischen Ehrenlegion.
 André Kostolany, Börsenguru, Bonvivant,
 Kolumnist und Ritter der
 Französischen Ehrenlegion.
Introduction

B egründet wurde der Ruhm André Kostolanys durch den Börsencrash von 1929. Als einer der ganz wenigen lag der Börsenguru mit seinem Baisse-Engagement richtig. Auf einen Schlag war er reich. Nur seine Kollegen und Freunde waren plötzlich arm. Auch als im Herbst 1939 die Kurse an der Pariser Börse zu bröckeln begannen, erwies sich seine Strategie, auf sinkende Kurse zu spekulieren, als richtig.

Der 1906 in Budapest geborene Ungar, der in seinem Leben nach eigenen Angaben mehrmals pleite ging, nutzte die Wirren der Zeit, um geldbringende Chancen zu ergreifen. André Kostolany versuchte immer wieder an Informationen zu gelangen, die ihm Aufschluss über die politische Entwicklung gaben. Durch Beobachtung des politischen Geschehens hat er viel Geld gewonnen und auch wieder verloren.

Eigentlich wollte der alte Fuchs Kunstkritiker werden. Aber als er Ende der 20er merkte, wie leicht er mit Aktien Geld verdienen konnte, entschied er sich Börsenspekulant zu werden. In der Folge hat André Kostolany, der Philosophie und Kunstgeschichte studiert hat, rund siebzig Jahre seines Lebens mit Börsenspekulationen verbracht.

«Mittags bei Chez André auf der Rue Marbœuf, anschliessend ins Le Fouquet´s auf der Champs Elysées, das ist mein Leben,» so Kostolany.

In jungen Jahren begann seine Börsenkarriere in Wien nach der Flucht vor den Kommunisten aus Budapest. Wenig später in Paris bekam Kostolany die Chance dem erfolgreichen Börsenmakler Adrien Perquel über die Schulter zu schauen. Doch 1941 wurde er erneut zur Flucht gezwungen. Mit 200.000 Dollar in der Tasche landete er in Amerika, wo er schliesslich Börsengeschichte schrieb.

Gerne werden Kostolanys zahlreichen Bonmots zitiert, mit denen er das Geschehen an den Finanzmärkten zu kommentieren pflegte. Dazu gehört beispielsweise, dass die fünf teuersten Worte an der Börse lauteten: «Diesmal wird es anders sein.»

An seinem 93. Geburtstag antwortete Kostolany auf die Frage, wie er den Menschen im Gedächtnis bleiben möchte: «Mit angenehmen Gedanken. Sie sollen mich für einen netten Menschen gehalten haben. Meine Bücher werden mich überleben, und wenn sie den nächsten Generationen nützen können, wäre ich zutiefst erfreut.»

Der «geistreiche Buchautor, humorvolle Kolumnist und amüsante Plauderer» (Der Spiegel) hatte weltweit ein Millionenpublikum. Seine 13 Bücher, in denen er mit Witz und Scharfsinn alles erläutert, was man über die Börse und ihre gnadenlosen, aber logischen Gesetze wissen mu? wurden in acht Sprachen übersetzt und drei Millionen mal verkauft.

Wir luden André Kostolany in der kleinen Alpenstadt Innsbruck im Hauptgebäude der Universitas Leopoldina Franciscea im 1. Stock zu später Stunde (20:00) zum SAST REPORT Gespräch. Der rüstige Börsenguru klopfte drei mal mit seinem schweren Stock auf den Boden und sagte: «Was wollen Sie mich fragen?»

 

Interview

SAST REPORT: Herr Kostolany, Sie gelten nicht nur als exzellenter Kenner des Börsengeschehens, sondern auch als unermüdlicher Mahner gegen die Allmacht der Banken. Ist denn der Bankenapparat in seiner jetzigen Konstellation so schädlich für die Wirtschaft?

KOSTOLANY: Da möchte ich die Amerikaner zitieren, die über die Frauen behaupten: "You can´t live with them, but can´t live without them." Derzeit ist es so, dass die Banken vor allem im Interesse ihrer Aktionäre handeln und aus Eigennutz die Zinsen diktieren. Aber als Grossbank sollte man auch die volkswirtschaftlichen Interessen eines Landes ins Kalkül einbeziehen. Schon Général de Gaulle, dem man nicht unterstellen konnte dem linken Lager anzugehören, wusste, warum er die grossen Banken verstaatlichte: Weil sie die Zinsen diktieren. Darum bin ich für die Verstaatlichung von Grossbanken. Heute geht ja alles in Richtung Privatisierung, das ist ja grundsätzlich nicht schlecht, aber in ihrem Wahn wollen sie sogar nützliche Institutionen wie den Luftverkehr privatisieren, hier wird sich eine wahrhaft mörderische Konkurrenz entwickeln.

SAST REPORT: Ein von Ihnen immer wieder ins Treffen geführtes Beispiel um den Machtmissbrauch des Bankenapparates zu illustrieren ist der Fall des französischen Grossindustriellen André Citroën.

KOSTOLANY: Schauen Sie, André Citroën, den ich persönlich gekannt habe, wurde von den Banken in den Ruin getrieben. Zwei grosse Privatbanken haben ihm von heute auf morgen die Kredite fällig gestellt. Aus wirtschaftlicher Sicht gab es dafür nicht den geringsten Anlass. Er war bei seinen Arbeitern sehr beliebt. Gegen so eine Intrige ist man machtlos.

Natürlich ist André Citroën nach der Zwangsenteignung durch seine Banken nochmals in seine Fabrik zurückgekehrt. Er wurde von seinen Arbeitern wie ein Held gefeiert. Aber die Herren Direktoren haben ihm die Türe gewiesen. André Citroën wurde in seiner eigenen Fabrik die Türe gewiesen.

Traue auch keiner Bank bei Anlageinvestitionen an der Börse. Das sind alles Spitzbuben. Einmal habe ich die Dresdner Bank für ihre Goldmanipulationen öffentlich verurteilt, worauf diese ganz schlecht auf mich zu sprechen war. Aber das macht mir nichts aus.

SAST REPORT: Wie beurteilen Sie den Börsenplatz Wien?

KOSTOLANY: Eine süsse kleine Börse. Ich kenne sie nicht. Wie die Deutsche Börse ist die Österreichische Börse zu stark vom Ausland und den Banken abhängig. Wenn ein grosser ausländischer Fond einsteigt, steigt der Index gleich um 10 Prozent.

SAST REPORT: Besteht ein Zusammenhang zwischen boomender Börse und hoher Arbeitslosigkeit?

KOSTOLANY: Das ist kompletter Unsinn. Die hohe Arbeitslosigkeit wird durch eine deflationistische Wirtschaftspolitik verursacht. Die Stabilitätspolitik Deutschlands und Österreichs bringt die Wirtschaft um. Ohne Geld kann man doch nicht die Wirtschaft ankurbeln. Dass Arbeitsplätze wie bei Renault in andere Länder verlagert werden, kann man hingegen nicht verhindern. Das Problem der Arbeitslosigkeit können sie aber mit Deflationspolitik nicht heilen. Unmöglich! Die Deutschen sind vorläufig noch Deflationisten, aber, das werden sie auch nicht ewig bleiben können.

SAST REPORT: Warum wird dann die antiinflationäre Karte ausgespielt, wenn dadurch die Arbeitslosigkeit steigt?

KOSTOLANY: Weil die Bundesbank heute so eingestellt ist. Warum? Weil die alle Nachfolger von Monetaristen sind, obwohl der Vater des Monetarismus, [der Nobelpreisträger] Milton Friedman - den Namen kennen Sie - mir persönlich gesagt hat: "Wissen Sie, Mr. Kostolany, meine Theorien sind bestimmt richtig, aber man kann sie nicht durchführen." [lacht] Das sagte der berühmte Prof. Milton Friedman. Und obwohl Milton Friedman das sagt, glauben sie das nicht. Sie sind der Ansicht, gegen die Inflation gibt es nur eine Möglichkeit: Kein Geld. "Ka Geld, Ka Musi" sagt der ungarische Zigeuner. Ohne Geld herrscht Arbeitslosigkeit, das ist eine Kettenreaktion. Ich weiss, ich werde wortführerisch, ich weiss. Aber eines ist sicher: Milton Friedman war noch nicht geboren, als ich zweimal Millionär und zweimal pleite war. Also, ich habe bestimmt mehr Erfahrung.

Das Verhalten der Banken erinnert mich an den Vater eines alten Kommilitonen von mir: Er hiess Paul Fischer. Sein Vater hiess M. Fischer. Marcel Fischer. Er war der grösste Börsenagent in Budapest. Ein sehr reicher, kleinlicher Typ. Er sitzt eines Tages in seinem kleinen Büro und hört, dass sein Prokurist draussen herumschreit: Nein! Nein! Gehen Sie! Wir haben kein Geld! Wir haben kein Geld! Gehen Sie! Er kommt natürlich sofort heraus und fragt: "Mit wem haben Sie da so geschrien?" "Mit diesem Schnorrer da. Ich habe ihm gesagt, wir haben kein Geld." "Sie haben gesagt, wir haben kein Geld? Laufen Sie ihm nach, bringen Sie ihn zurück!" Der Prokurist lauft nach: "Sie, Herr Grün. Kommen Sie zurück! Der Chef will Sie sprechen." Da kommt er schon fröhlich zurück. Darauf sagt ihm der Herr Fischer: "Der Prokurist sagt Ihnen, wir haben kein Geld. Kommen Sie in mein Büro." Macht seinen Panzerschrank auf und sagt: "Sehen Sie, der ist voll mit Geld! Ich geb´ aber nichts!"

[Es klopft an der Türe des südseitig gelegenen Sitzungssaals 03, und André Kostolanys Begleiter, ein junger Mann von 30 Jahren betritt den Raum. "André, André," mahnt er leise. "Wir müssen heute noch nach Stuttgart fahren." André Kostolany blickt versonnen in die Ferne und beginnt mit leiser Stimme folgende Anekdote zu erzählen:]

KOSTOLANY: Die Ira von Fürstenberg, eine berühmte Frau, eine Schönheit, die ist jetzt über 60, wahnsinnig reich, denn sie ist die Erbin der Fiat Werke, die Enkeltochter von Giovanni Agnelli, auffallend charmant. Sie war drei bis viermal verheiratet. Die hatte einen Urgrossvater gehabt, einen ungarischen Magnaten, Fürst Festetics, der zweitreichste Mann in Ungarn. Er wurde auch ununterbrochen angepummt, von der Presse und von Wohltätigkeitsorganisationen. Einmal verlangte bei ihm der Chefredakteur der grössten Zeitung Ungarns eine Audienz. Und der Fürst wusste dass er wieder -- schnorren kommt... [lacht] Er war so ein Grandseigneur, der Festetics. Wenn jemand zu ihm auf Besuch gekommen ist, musste er sich den redingote anziehen. Wissen Sie was ein redingote ist? Was man zu Feiern anzieht. Cuttanee, english. Der lange da mit einem Schwanz. Wenn der Fürst in Ungarn irgendwo angekommen ist, wo seine Güter waren, hat er den roten Teppich gekriegt. So ein grosser Herr war er. Nach dem Esterházy war er der reichste Mann. Als der Chefredakteur gekommen ist, und der Fürst Festetics herauskommt sagt er: "Grüss Gott, Herr Chefredakteur." "Grüss Gott." "Geld geb´ ich natürlich nicht."

SAST REPORT: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

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André Kostolany: "... Milton Friedman ... mir persönlich gesagt hat:
'Wissen Sie, Mr. Kostolany, meine Theorien sind bestimmt richtig,
aber man kann sie nicht durchführen.'"


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